2003 entschloss sich EA dazu die bis dahin sehr erfolgreiche Need for Speed-Serie inhaltlich neu auszurichten und schuf damit das Genre der Straßenrennspiele. Need for Speed Underground legte mit seinem fesselnden Tuning-Gameplay und Geschwindigkeitsgefühl den Grundstein für eine ganze Zunft ähnlicher Titel. Doch Underground brach gleichzeitig mit sämtlichen Need for Speed-Traditionen. Statt edler Ferraris und Porsche standen nun Toyotas und Nissans in der Garage und von den aggressiven Cops, die einst Hot Pursuit zum Klassiker machten, fehlte auch jede Spur. Das soll sich nun alles ändern. Mit Need for Speed Most Wanted will EA beide Spielkonzepte miteinander vereinen und so das ultimative Rennspiel schaffen.
Willkommen in Rockport
Auch Need for Speed Most Wanted lässt euch wieder auf die Straßen einer frei befahrbaren Stadt los, nämlich die der Metropole Rockport. Die Stadt erinnert in ihrem Stil an die amerikanischen Industriestädte am Lake Michigan und bietet neben dementsprechenden Industriegebieten auch Downtown-Areale und geradezu malerisch anmutende Küsten- und Bergabschnitte. Diese verteilen sich auf drei große Stadtteile, die fließend miteinander verbunden sind aber nacheinander gespielt werden müssen. Zwar bestand Bayview in Underground 2 noch aus fünf solcher Teile, insgesamt wirkt Rockport aber eher noch ein bisschen größer, was vor allem an den langen Highway-Strecken rund um die Stadt liegt.
Und auch in Rockport wird das Geschehen wieder von einer motivierenden und ziemlich cool präsentierten Story zusammengehalten. Nach euren Erfolgen in der Szene kommt ihr nämlich als gemachter Mann mit einem fetten BMW M3GTR unter dem Hinterteil voller Tatendrang in Rockport an. Doch auf tragische Weise verliert ihr euer Schätzchen in einem Rennen gegen den lokalen Schergen Razor. Euer einziger Rückhalt in dieser Misere ist die bildhübsche Mia, die euch mit einem neuen Wagen auf die Beine hilft. Von nun an habt ihr nur ein Ziel: Ihr wollt euren Wagen zurück und euch an Razor rächen, koste es, was es wolle. Die Hintergrundgeschichte wird mithilfe von stylischen Zwischensequenzen packend inszeniert. Im Vergleich zu den Comics aus Underground 2 definitiv ein Fortschritt.
Ich seh´ schwarz
Um nun von eurem Loser-Status runterzukommen, müsst ihr natürlich Rennen gewinnen. Doch bevor ihr an den fiesen Razor rankommt haben die Entwickler euch 15 Aufgaben auferlegt. Denn in Rockport läuft nichts ohne die Blacklist, auf der sind die 15 besten Streetracer der Stadt vertreten und ganz oben steht natürlich, welch Wunder, Razor und zwar mit eurem M3. Jeden der 15 Blacklist-Fahrer kann man gewissermaßen als Level-Endgegner bezeichnen, denn bevor ihr um den Aufstieg in der Blacklist fahren dürft, müsst ihr euch erstmal als würdig erweisen indem ihr bestimmte Rennen gewinnt, bestimmte Meilensteine erreicht und ein Minimum an Kopfgeld erlangt, wobei die letzten beiden Elemente vollkommen neu im NFS-Universum sind.
Beide haben mit der reaktivierten Polizei zu tun, denn für jedes Vergehen summiert sich ein Kopfgeld auf eure Festnahme. Um euch also den nötigen Respekt zu verschaffen, kommt ihr nicht drum herum euch mit den Cops anzulegen. Dabei könnt ihr dann auch verschiedene Meilensteine für eure Akte erreichen. Dazu zählen zum einen die Radarfallen, in die ihr an bestimmten Orten mit einer festgelegten Geschwindigkeit tappen müsst. Zum anderen sind das aber auch besonders kühne Aktionen bei den Verfolgungen durch die Cops. Hier erreicht ihr Meilensteine indem ihr zum Beispiel eine gewisse Menge an Sachschaden verursacht oder mehrere Straßensperren umgeht.
Nicht zur Nachahmung empfohlen
Während ihr nun Angst und Schrecken in Rockport verbreitet, sieht das Gesetz also nicht mehr tatenlos zu. Die Polizei ist zurück in NFS und scheint in ihrer Schaffenspause noch einmal in der Polizeischule gewesen zu sein, denn die Cops verhalten sich durchaus intelligent und sind alles andere als Kanonenfutter. Während ein Streifenwagen alleine sich meistens darauf beschränkt euch zu verfolgen, versuchen mehrere euch gezielt in die Zange zu nehmen. Wer dabei einen Fahrfehler macht hat alle Hände voll zu tun. Bei teilweise an die 10 Verfolgern hat man aber eher schlechte Chancen, wenn man erst einmal vor einer Wand gelandet ist. Doch Ramm- und Einklemmmanöver sind nicht das Einzige was die Gesetzeshüter aufbieten.
Habt ihr es euch erst einmal mit mehreren Cops verscherzt steigt euer Fahndungslevel und die Polizei schickt härtere und schnellere Einheiten, angefangen bei gepanzerten SUVs, über Polizei-Corvettes bis hin zum Helikopter. Um Letztere abzuschütteln muss man sich dann schon in Tunneln oder unter Dächern verstecken. Wie nah ihr der Festnahme seid zeigt euch dabei stets eine Anzeige am unteren Bildschirmrand. Zudem warnt euch ein Radarwarner zuverlässig vor Cops in eurer Nähe und natürlich hört ihr auch den Polizeifunk ab. So weit, so bekannt. Neu ist das Versteck-Feature. Haben die Verfolger erst einmal den Blickkontakt zu euch verloren, schaltet das Spiel in den Fluchtmodus. Dann signalisiert euch ein Balken wie lange es noch dauert bis die Gefahr vollkommen gebannt ist. Diesen Prozess könnt ihr durch Verstecken in auf der Karte markierten Gebieten beschleunigen.
Stadtsanierung einmal anders
Ein weiteres hilfreiches Element im Kampf mit der Polizei sind bestimmte Streckenrandobjekte. An vielen Stellen finden sich so zum Beispiel Gerüste oder Dächer die durch das Durchbrechen der Stützpfeiler zum Einsturz gebracht werden können und so zum unüberwindbaren Hindernis für eure Anhänger werden. Doch damit nicht genug. Insgesamt stellt sich Rockport viel offener dar als Bayview. Es gibt viel mehr Möglichkeiten Abkürzungen und alternative Routenverläufe zu wählen, außerdem stehen Objekte wie Laternen, Schilder und Hydranten nun direkt am Straßenrand und nicht mehr hinter Absperrungen, sodass man eigentlich alles in seine Bestandteile zerlegen kann, was im übrigen physikalisch akkurat umgesetzt wurde.
Playboy-Garage
Auch den Fuhrpark hat EA ordentlich durchgemischt. Das Negative gleich vorweg: Most Wanted beschränkt sich nach wie vor auf gut 30 Fahrzeuge, was im Vergleich heute schon etwas wenig ist. Zumal viele alte Bekannte wie beispielsweise der Nissan Skyline GTR, 350Z und Ford Focus dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Diesen Verlust kann man jedoch relativ leicht verschmerzen, wenn man dafür in einem Porsche Carrera GT oder Mercedes McLaren SLR Platz nehmen darf. Ganz in der Tradition der alten NFS-Teile, setzt Most Wanted nämlich wieder auf Edel-Hersteller. So sind zum Beispiel Mercedes, BMW, Porsche und Lamborghini im Spiel enthalten. Gleichzeitig bleiben aber immer noch eine Hand voll klassischer Tuner-Wagen, wie etwa der Mazda RX8 im Programm.
Mal sehen was unter der Haube steckt
Wem die 580 PS eines Murcielago dann immer noch nicht genug sind, der darf natürlich wieder in zahlreiche Tuningteile investieren. Doch im Gegensatz zu Underground 2 hat man den Tuningbereich leider spürbar zusammengestutzt. Bei den Karosserieteilen darf man zum Beispiel nur noch aus fünf verschiedenen, kompletten Bodykits wählen, und sich nicht mehr individuell für verschiedene Front-, Heckstoßstangen und Seitenschweller entscheiden. Optionen wie das Customizing der Scheinwerfer oder der Auspuffendrohre sind sogar ganz weggefallen und auch die beliebten Vinyls können nur noch einschichtig aufs Auto aufgeklebt werden.
Und neben den Begrenzungen des optischen Tunings sucht man auch das umfangreiche Garagemenü vergebens, welches in Underground 2 noch mit präzisen Leistungstests und mannigfaltigen Einstellungen für jedes noch so kleine Teil glänzte. Anscheinend wollte man das Spiel einfach einsteigerfreundlicher gestalten, hat dem jedoch sehr viel was die Underground-Spiele ausmachte geopfert.
Nicht den Überblick verlieren
Für die Einsteiger-Theorie spricht auch, dass man dem Spieler den Speedbreaker als zusätzliche Hilfe zu Verfügung stellt. Was sich hinter dem mysteriösen Namen versteckt ist nichts anderes als eine Zeitlupe, die euch, auf Knopfdruck aktiviert, für kurze Zeit etwas Ruhe und hyperrealistische Fahreigenschaften verschafft. Damit lässt es sich unter anderem besonders gut Straßensperren ausweichen. Dieser allgemeine Trend zu Zeitlupen ist natürlich eher etwas für Arcade-Anhänger, wobei das eigentliche Fahrverhalten sich eigentlich noch genauso anfühlt wie im Vorgänger. Also im Prinzip sehr gut, jedoch würde man sich bisweilen etwas mehr Feedback wünschen.
Auch im Drag-Modus fährt man wie gewohnt in Schienen, dennoch weist der Modus neuerdings Frustpotenzial auf. Das liegt einfach daran, dass die Viertelmeilen nicht mehr nur lange Geraden sind, sondern teilweise enge Kurven haben. Weil es die Wagen aber mit der Spurtreue nicht so genau nehmen, bleibt man häufig an Objekten oder Fahrzeugen hängen die sich eigentlich gar nicht in eurer Spur befinden. Außerdem gibt es noch zwei Verluste bei den Spielmodi zu beklagen. Der seit Underground 1 enthaltene Drift-Modus hat es genau so wenig in Most Wanted geschafft wie der erst im letzten Spiel eingeführte Outrun-Modus.
Ruck-Zuck
Technisch gesehen hinterlässt das neunte Need for Speed-Spiel einen gemischten Eindruck. Zum einen muss man sich zuerst an den dreckigen Look von Rockport im Kontrast zur Hochglanz-Szenerie von Bayview gewöhnen, bevor man die schönen Seiten der Grafik entdeckt. Immer noch sind die Spiegelungen absolut erste Sahne und auch die Autos haben noch einmal etwas an Detail zugelegt. Darüber hinaus bietet der Titel riesige Sichtweiten, den bekannt schönen Unschärfe-Filter, nette Spiegelungen bei Nässe und allerhand neue Details, wie sich im Wind wiegende Bäume oder Vogelschwärme, die am Himmel vorüberziehen, was die Umwelt noch lebendiger wirken lässt. Neu und sehr gelungen sind außerdem die schönen Blendeffekte bei Tunnelausfahrten.
Die Kehrseite der Medaille sind zumindest auf der PS2 Qualitätsprobleme aller Art. Teilweise flimmern die Kanten recht stark oder stören matschige Texturen und pixelige Hintergründe die Aussicht. Am bedauerlichsten und nervigsten sind aber die sehr häufig störenden Ruckler. Vor allem dann, wenn viel auf dem Bildschirm los ist, sprich mehrere Verfolger und NPCs in Sicht sind, sind Frameratensprünge vorprogrammiert. Doch genauso gut können diese auch auftreten, wenn man zügig durch die Gegend cruist. Wie immer bei NFS gilt, so viele HUD-Anzeigen wie möglich ausschalten. Dann wird’s besser. Dennoch bleibt die Spieldarstellung inkonstant. Unverständlich ist, warum die Entwickler trotz solcher Probleme immer noch Schadenstexturen für die Scheiben im Spiel behalten.
Zusätzlich werden die unschönen Stellen der Grafik nun nicht mehr vom Schleier der Dunkelheit verdeckt und der Stadt fehlt es einfach an der atmosphärischen Beleuchtung aus Underground 1 und 2, zumal sich wohl viele Fans einen echten Tag-und-Nachtwechsel versprochen hatten. Damit kann allerdings nur die Xbox 360-Version des Spiels aufwarten.
Ohr-Fetischisten
Von solchen Technik- sowie Qualitätsproblemen bleibt der Sound zum Glück unbehelligt. Er hat definitiv wieder Referenzcharakter. Und obwohl schon NFSU2 Gänsehaut verursachen konnte, schafft es Most Wanted selbst das nochmals zu steigern. Die Motoren klingen einfach göttlich. Sie sind facettenreich, satt und kaum von den realen Vorbildern zu unterscheiden, eventuell ausgenommen man hat einen echten Lamborghini Gallardo in der Garage stehen. Dazu kommen das ebenfalls sehr authentische, grelle Pfeifen der durchdrehender Räder, variantenreiche Crashsounds, passende Echos bei Tunneldurchfahrten und Vieles mehr. Was noch fehlt sind dezente Windgeräusche bei hohen Geschwindigkeiten.
Dass der Sound aber noch eine Ecke besser wirkt, liegt auch an der Hintergrundmusik. Diese besteht zu einem Teil, wie gewohnt, aus bekannten lizenzierten Titeln aller gängigen Genres. Dieses Mal sind unter anderem Jamiroquai, The Prodigy und Static X in dem 26 Songs umfassenden Soundtrack enthalten. Der andere Teil besteht hingegen aus für das Spiel komponierten Titeln, welche während der Verfolgungsjagden zum Zuge kommen und dem Ganzen, neben den Sprungkameras, einen weiteren cineastischen Touch verpassen. Noch ein Wort zum Mehrspieler-Bereich. Die getestete PS2-Version besitzt weder Online- noch Netzwerk-Modus, was im Vergleich zu den beiden Vorgänger ein enormer Rückschritt ist, und beschränkt sich damit auf das klassische 2-Spieler-Splitscreen-Duell. In der PC-Version könnt ihr hingegen auch online und im LAN fahren.
Fazit
Ein insgesamt eindeutiges Fazit zu ziehen fällt nicht gerade besonders leicht. Denn Need for Speed Most Wanted weist zwar sehr viele positive Aspekte auf, aber eben auch einige negative. Zumindest mehr als der Vorgänger Underground 2. Die Stärken des Spiels liegen weiterhin in dem gelungenen Fahrverhalten, dem motivierenden Karrieremodus, der professionellen Präsentation, die mit der Story schon fast Hollywood-Niveau erreicht, und dem tadellosen Sound, der zu den Besten seiner Zunft gehört. Mit den wirklich spannenden und sehr gut umgesetzten Verfolgungsjagden kommt sogar noch ein Element hinzu.
So weit, so gut. Doch leider hat die Synthese aus Underground und Hot Pursuit auch ihre Schattenseiten. Das größte Manko stellt zweifelsohne die anfällige Technik dar, die zumindest die PlayStation 2 regelmäßig in die Knie zwingt. Aber auch inhaltlich und spielerisch stößt die eine oder andere Änderung auf Unverständnis. Das betrifft vorrangig den grundlos zusammengekürzten Tuning-Teil. Ebenso schmerzt der Verlust des lieb gewonnenen Drift-Modus und, dass das Geschehen jetzt nicht mehr nachts sondern nur noch tagsüber stattfindet, ist total widersinnig und bringt keinerlei Verbesserung.
Alles in allem bleibt mit Need for Speed Most Wanted ein Spiel das es durchaus versteht mit den aus den Vorgängern bekannten Stärken in seinen Bann zu ziehen. Gleichzeitig ist es aber auch nicht so souverän und hat einfach mehr Schwächen. Damit ist es zwar die beste Wahl, für alle die auf spannende Verfolgungsjagden stehen, aber das beste Tuning-Rennspiel bleibt weiterhin Underground 2.
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+ 23.12.2005 DS
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