Eigentlich kommt an dieser Stelle immer ein kleiner Rückblick auf die Geschichte der Serie des Spieles bzw. des Entwicklers. Bei Enthusia fällt dieser aber besonders kurz aus. Grund dafür: Man weiß einfach schlicht und ergreifend nichts über die Entwickler, was daran liegt, dass Konami für die Entwicklung von Enthusia extra ein neues Team gegründet hat. Bekannt ist zumindest, dass der Produzent des Spiels, Manabu Akita, früher bei der Entwicklung von "Rigde Racer" mitgewirkt hat. Außerdem pflegen die Entwickler engen Kontakt zum Le Mans-Teilnehmer "Team Goh" sowie zu diversen Automobilherstellern.
Bewährte Zutaten
Dank dieser guten Verbindungen finden sich in Enthusia deshalb auch über 200 lizenzierte Modelle von mehr als 50 Herstellern. Im direkten Vergleich zu den über 700 Boliden von GT4 mag das zwar recht wenig wirken, aber eigentlich vermisst man kaum ein Modell und steht meistens eher vor der quälenden Entscheidung, welches der Schmuckstücke man fahren möchte. Im Bereich Abwechslung bietet Enthusia sogar etwas mehr als die Konkurrenz, da es auch Fahrzeuge aus dem derzeit sehr angesagten SUV-/Geländewagen- Sektor enthält. Solche PS-starken Schwergewichte, wie beispielsweise der VW Tuareg, machen sich wegen des Allradantriebes natürlich besonders auf den Rallyepisten gut.
Strecken mit unbefestigtem Untergrund gibt es in Enthusia zwar nur fünf, echte Rennstrecken sogar nur zwei, nämlich den Tsukuba Circuit und die Nürburgring-Nordschleife. Ansonsten aber gefällt die gute Mischung der Insgesamt 23 Kurse, von denen sich die meisten auch in Gegenrichtung befahren lassen. Darunter gibt es diverse Stadtkurse, die euch die Sehenswürdigkeiten von Paris, London, Venedig und San Francisco näher bringen, ein paar frei erfundene Rennkurse wie den Löwenseering oder die Autuum Strecken, Ähnlichkeiten mit dem Autuum Ring von Gran Turismo sind offensichtlich, und auch Strecken bei Nacht sowie auf nasser Straße werden euch geboten.
Wüste, Berge und unendliche Weiten
Während die bisher erwähnten Streckentypen sozusagen zum Genrestandard gehören, hebt sich Enthusia mit vier Strecken von den anderen Rennspielkollegen ab und geht neue Wege. Bei Airport Field handelt es sich, wie der Name schon sagt um ein riesiges Rollfeld, welches einfach nur umzäunt ist und auf dem man nach Herzenslust Burnouts und Donuts fabrizieren darf. Ähnlich verhält es sich bei Ocean Bridge. Auf dieser mitten im Ocean gelegenen einen Kilometer langen Brücke, kann man seine Beschleunigung testen. Sehr erfreulich ist, dass mit Dragon Range eine in Vergessenheit geratene Kunst des Rennfahrens implementiert wurde: das Bergrennen. In tiefer Nacht stürzt ihr mit spektakulären Drifts entweder den Berg hinab oder fahrt diesen hinauf. Für ein kleines Staunen sorgt dann noch die Wüstenstrecke Mirage Crossing, denn ihre Route wird per Zufallsgenerator immer wieder neu berechnet.
Innovationslustig
Erst bei den Spielmodi unterscheidet sich Enthusia vollkommen von allen anderen Rennspielen und macht deutlich, dass man keine plumpe Gran Turismo-Kopie sein will. Es gibt zwei Hauptbestandteile. Den Karriere-Modus "Enthusia Life" und den Fahrschulmodus "Driving Revolution". Letzterer verspricht mit seinem Namen leider viel zu viel. Im Prinzip handelt es sich hierbei nur um einen normalen Fahrmissionsmodus. In der Praxis läuft das folgendermaßen ab: Ihr werdet mit einem vorgegebenen Auto auf einen bestimmten Parcours losgelassen, welcher aus Toren besteht. Diese Tore zeigen euch nicht nur den Verlauf der Strecke an, sondern durch einen Querbalken und ihre Farbe auch welche Geschwindigkeit die richtige ist.
Wenn ihr zu schnell seid, hebt sich der Balken an und die Farbe wird Rot. Wenn ihr zu langsam fahrt, senkt sich der Balken und das Tor wird farblos. Eure Aufgabe besteht darin die Tore möglichst so zu passieren, dass a) der Balken auf mittlerer Höhe hängt und b) die Farbe des Tores Grün ist. Für jedes Tor gibt es eine Bewertung, wenn ihr gut genug seid, winken euch neue Fahrzeuge. Der Modus ist für Perfektionisten durchaus motivierend und fordernd, aber mal im Ernst, ob ich nun in Enthusia Tore durchfahre oder in Gran Turismo der Weg durch Hütchen vorgegeben wird, macht nun wirklich keinen Unterschied. Von Revolution keine Spur.
Spiel des Lebens
Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Enthusia "Life Modus". Er ist in seiner Art sicherlich einzigartig und überträgt ein für Rollenspiele typisches Skill-System auf das Rennspielgenre. Zu Beginn startet ihr als ein kleiner Niemand am untersten Ende eine 1.000 Plätze langen Rangliste. Logisch, dass es jetzt gilt Rennen zu gewinnen und zur Nr. 1 aufzusteigen. Das gestaltet sich aber gar nicht so einfach, denn wenn man Mal ein Rennen vermasselt, irgendwann passiert so etwas eben, fällt eure Platzierung dementsprechend in der Rangliste. Ihr fragt euch jetzt zu Recht, was das mit Rollenspiel zu tun hat. Und genau hier kommen die so genannten "Enthu"-Punkte ins Spiel.
Am Anfang habt ihr nur 300 davon. Wenn ihr zum Beispiel in einem Rennen ins Kiesbett, gegen die Mauer oder in einen Konkurrenten rutscht, zieht euch das Spiel als Strafe dafür Enthu-Punkte ab. Solltet ihr alle Punkte binnen eines Rennens verlieren, müsst ihr eine Woche aussetzten und lauft damit Gefahr in der Rangliste zu fallen. Wenn ihr euch hingegen Mühe gebt und ein perfektes Rennen fahrt und keine Enthu-Punkte auf der Strecke bleiben, werdet ihr dafür belohnt. Als Belohnung steigen dann zwei Punktekonten um die gewonnen Enthu-Punkte an. Das erste betrifft euer Auto und sorgt dafür, dass es entweder ein Gewichts-, ein Leistungs- oder ein Reifen Level-Up erhält. Das zweite betrifft euer Enthu-Punktekonto und füllt dieses, sodass euch im nächsten Rennen von Anfang an mehr Punkte zur Verfügung stehen.
Illegales Glückspiel
Leider gibt es auch ein paar negative Aspekte am Enthusia Life Modus. Dazu zählt unter anderem das Auto-Roulette nach jedem Rennen. Denn in Enthusia Life entscheidet nicht Erfolg oder Misserfolg, sondern das pure Schicksal darüber, ob ein neues Fahrzeug den Weg in eure Garage findet. Nach jedem Rennen läuft eine Markierung durch die Liste aller am Rennen teilgenommenen Wagen bis sie irgendwo stoppt. Zwar gewinnt man so auch alle Fahrzeuge, aber wenn man vorher ein blitzsauberes Rennen gefahren ist und dann dieser Möchtegern-Einarmige-Bandit im Leeren stehen bleibt und ihr kein Auto gewinnt ist das höchst unbefriedigend.
Ebenfalls etwas Potenzial wurde beim Fahrzeugtuning verschenkt, da man auch hier bevormundet wird. Ein Automatismus optimiert zuerst immer das Gewicht, dann die Reifen und dann die Motorleistung. Schöner wäre es gewesen, wenn man selbst hätte entscheiden können, was das eigene Auto am ehesten braucht, mehr Grip oder mehr Leistung.
Von Frustmomenten und Aggressionsbewältigung
So gut die Idee mit den Enthu-Punkten auch ist, sie hat auch Tücken. Diese liegen vor allem in der unkonstanten Leistung der künstlichen Intelligenz. Es gibt Momente in denen agieren die Kollegen sehr glaubhaft und fair, indem sie einen Überholversuch abbrechen oder euch genügend Raum für euer eigenes Überholmanöver einräumen. Ebenfalls lebensnah wirkt, dass die KI selbst Fehler macht und mit dem Übersteuern einer 500 PS Shelby Cobra zu kämpfen hat, genau wie ihr auch. In der anderen Hälfte der Fälle aber rasen die Jungs durch die Gegend als hätten sie keine Augen im Kopf und brettern dementsprechend gerne in euch rein. Und hier kommt der Knackpunkt mit den Enthu-Punkten. Schlimm genug, wenn ihr wegen so einem KI-Chaos das Rennen verliert, nur wenn dann auch noch alle Enthu-Punkte den Rempelaktionen zum Opfer gefallen sind, fliegt der Controller erst einmal frustriert in die Ecke.
Auf die inneren Werte kommt es an
Das Beste an Enthusia ist das wirklich realistische Fahrverhalten und die verblüffend einfach Kontrolle darüber. Das gilt vor allem für die Fronttriebler im Spiel. Soviel Spaß hatte ich selten mit Golf und Co. Die Baby-Rennsemmeln, wie zum Beispiel der Honda Civic Type R, sind zwar nicht allzu schnell, lassen sich aber herrlich exakt per Handbremse um die Kurven zirkeln. Teilweise wirkt dieses extrem neutrale Fahrverhalten schon ein klein wenig zu gut und der echte Simulationsfreak wird sich sicher etwas mehr Untersteuern wünschen. Übersteuern satt gibt es dagegen bei den meisten Hecktrieblern. Bei einem BMW Z4 beispielsweise muss man immer auf ein ausbrechendes Heck gefasst sein, aber gerade das macht besonders viel Spaß.
Wer sich solche Fahrmanöver nicht zutraut kann auch Traktionskontrolle und ESP im Optionsmenü einschalten. Überhaupt sollte man dem Optionsmenü einen Besuch abstatten und die Lenkempfindlichkeit auf Hoch stellen, da die ganze Sache sonst etwas träge wirkt. Insgesamt bleibt jedoch kein Zweifel, Enthusia ist eine richtige Simulation geworden und daher benötigt man grade um die PS-stärkeren Fahrzeuge wie einen Mercedes SLR ohne Fahrhilfen sicher auf Kurs zu halten schon einige Übungsstunden.
Der Clou: Virtual Gravity System
Das VGS ist eine Art Anzeige für die physikalischen Kräfte, die am Fahrzeug wirken. Es besteht aus einem Kreis in der Bildschirmmitte und Pfeilen die zum Bildschirmrand zeigen. In dem Mittelkreis sind die vier Reifen des Autos und ein gelber Ball abgebildet, welcher je nach physikalischer Wirkung im Mittelkreis herumwandert. Die Reifen selber bieten 3 Stufen. Sind sie schwarz gefüllt, ist alles normal. Desto grauer sie werden, desto mehr Kraft wirkt an ihnen. Werden sie rot umrahmt drehen die Reifen durch und das Auto hat keinen Grip mehr. Entsprechend den einwirkenden physikalischen Kräften wachsen auch die Pfeile in Richtung des Bildschirmrandes. Lobend erwähnen muss man, dass das System wirklich sehr viele Informationen auf sehr kleinem Raum veranschaulicht.
Der praktische Nutzen bleibt aber, wie schon bei der G-Anzeige in Gran Turismo 4, sehr fraglich. Wie gesagt liegt das nicht an der Übersichtlichkeit des VGS. Es stellt sich vielmehr die grundsätzliche Existenzfrage. Denn im mitunter hektischen Rennbetrieb hat man alle Hände voll damit zu tun sein Fahrzeug auf der Straße zu halten, sodass kaum Zeit bleibt um auf das VGS zu blicken. Bremspunkte, sowie die maximal möglichen Kurvengeschwindigkeiten, lernt man automatisch irgendwann auswendig. Grob gesagt ist das VGS eigentlich überflüssig. Wer will kann es aber natürlich auch ausschalten.
Zweischneidiges Schwert
Kommen wir zur Technik. Und das ist wirklich eine Zerreißprobe. Auf der Pro-Seite brilliert Enthusia mit sehr detaillierten Fahrzeugmodellen, der ungetrübten Sichtweite und der relativ guten Bildqualität, die kaum flimmert. Außerdem gibt es immer wieder vereinzelte, wunderschöne Effekte wie rauschende Wasserfälle, Blendeffekte auf Scheiben und Leitplanken, rotierende Windräder und auf einer Strecke sogar über das Areal donnernde Düsenjäger schinden ordentlich Eindruck. Auf der Kontra-Seite stehen dem allerdings auch leicht leere, dadurch steril wirkende Umgebungen, platte 2D-Zuschauer und -Bäume, unscharfe Texturen und das ebenfalls unscharfe und undetaillierte Environment Mapping auf den Autos entgegen.
Cuts like a knife
Nein liebe Leser über 40, Bryan Adams gibt seinen gleichnamigen Song (leider) nicht in Enthusia zum Besten, aber zum Sound später mehr. Gemeint ist mit der Überschrift der Unschärfe-Effekt, der Enthusia’s Geschwindigkeitsgefühl aufpeppen soll. Dieser sieht nämlich recht gewöhnungsbedürftig aus, weil er das Bild am Rand wie eine Rasierklinge einschneidet. Daran, dass Enthusia nicht so richtig in Fahrt kommt, obwohl es jederzeit absolut flüssig läuft, ändert aber auch der Effekt nichts.
Orchester statt Musikbox

Zoom Auch der Sound von Enthusia ist eine zweiseitige Sache. Die Motorensounds hören sich eigentlich knackig und detailliert an und verändern sich sogar nach Leistungstuning. Andererseits klingen die Maschinen wiederum in jedem Drehzahlbereich auf irgendeine Art und Weise gleich und deshalb ein wenig nach Rasenmäher. Dagegen richtig unverständlich ist, dass der Sound nicht über Dolby Digital ausgegeben werden kann, was doch eigentlich heutzutage zum guten Ton gehört. Was die musikalische Untermalung angeht, haben sich die Entwickler gegen lizenzierte Musik und für spezielle, eigens komponierte Stücke für jede Strecke entschieden. Nicht die schlechteste Entscheidung, denn die Musik hat durchaus Charakter und kommt auf jeden Fall über das übliche Fahrstuhl-Gedudel, welches einen in den Menüs erwartet, hinaus.
Fazit
So viel Licht und Schatten gleichermaßen habe ich selten in einem Spiel vereint gesehen. Enthusia hat wirklich sehr viele positive Eigenschaften. Was also versperrt Enthusia den Weg zum Hit? Es sind die vielen kleinen Ungereimtheiten. In jedem Bereich des Spiels finden sich nervige, oft auch unnötige Schwächen. Auf spielerischer Seite sind das die unausgereifte KI, der öde Driving Revolution-Modus und das überflüssige VGS. Auf technischer Seite bremsen das lahme Geschwindigkeitsgefühl und das schwache Environment Mapping Enthusias Qualität ein. Und dann gibt es da noch so ein paar Sachen bei denen man sich fragt: Warum machen die so was? Damit meine ich das unfaire Roulette-System und die Tatsache, dass, wenn man in der Außenansicht fährt, man noch nicht einmal nach hinten schauen kann. Auch der Mehrspielermodus, es gibt lediglich einen 2-Spieler-Splitscreen, und somit keine Netzwerk- oder gar Online-Option, ist zu minimalistisch für ein modernes Rennspiel.
Was wahrscheinlich zunächst eindeutig negativ klingt, bedarf aber einer Relativierung, denn schlecht ist Enthusia eigentlich gar nicht. Das Spiel ist eben nur nicht so perfekt wie es hätte sein können. Das tolle Fahrgefühl, die große und abwechslungsreiche Strecken- und Fahrzeugauswahl, die alles in allem gute Optik und das Simulation und Fahrspaß verbindende Fahrverhalten machen einfach Spaß und stellen mit Sicherheit jeden Auto-Enthusiasten zufrieden. Wer also Lust auf eine innovative Rennsim hat, sollte Enthusia auf jeden Fall eine Chance geben.
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+ 07.05.2005 DS

