IMGROLD269Es müsste schon ein kleines Rennwunder geschehen, sollte Kimi Raikkönen sich noch den WM-Titel 2003 sichern, aber man soll bekanntlich Feste nicht zu früh feiern, denn so mancher hat davon schon fürchterliches Kopfweh bekommen – daher lassen wir die Korken noch in den Flaschen und berichten vom vorletzten Rennen des Jahres.
Einige denkwürdige Entscheidungen haben den heutigen Grand Prix beeinflusst und man darf sich fragen, ob nicht wieder das Geschrei betreffend einer Bevorzugung des Ferrari-Teams losgehen wird. Zwei sehr fragwürdige Szenen gilt es allerdings zu berichten, denn es scheint so zu sein, dass Michael Schumacher in der fünften Runde an David Coulthard unter Gelb vorbeigezogen wäre und ob die Aktion von Juan-Pablo Montoya gegen Rubens Barrichello – bei der der Brasilianer ausfiel - denn so böse war, dass man den Kolumbianer mit einer Drive-through belegen musste, darf hinterfragt werden. In der Zeitlupenwiederholung sieht man deutlich, dass eher Barrichello zugemacht hat und JPM eigentlich keine Chance hatte, die Kollision zu vermeiden.
Strahlender Sieger und zu 99,9 Prozent Weltmeister 2003 Michael Schumacher auf Ferrari, der heute sicherlich auch einiges Glück auf seiner Seite hatte, denn nicht nur fiel der ersehnte Regen, nein, dem Kerpener wurde heute einiges an Hilfe seitens der Verantwortlichen zuteil – genaueres siehe oben. Teamkollege Rubens Barrichello legte zuerst einen makellosen Start hin und sich dann mit Montoya an, auch hier gilt – genaueres siehe oben.
Kimi Raikkönen, der seinem Mentor Mika Häkkinen zu dessen heutigem 35. Geburtstag sicher gerne einen Sieg präsentiert hätte, fuhr ein schnelles, ziemlich fehlerloses Rennen und hat in zwei Wochen noch die Chance auf den Titel. Allerdings müsste Kimi dazu siegen und Schumacher punktelos bleiben. David Coulthard – dessen Abschied von McLaren-Mercedes beschlossene Sache sein dürfte – schaffte es heute eindrucksvoll unter Beweis zu stellen, dass seine Zeit in einem Spitzenteam der Formel 1 abgeschlossen werden sollte. Der offensichtlich unmotivierte Schotte beendete das Rennen vorzeitig, lag zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht einmal unter den ersten Zehn.
Die Sensation des heutigen Tages hört aber auf den Namen Heinz-Harald Frentzen. Der sympathische Mönchengladbacher fuhr mit dem bislang extrem enttäuschenden Sauber-Petronas auf einen niemals erwarteten dritten Rang und katapultierte – gemeinsam mit Nick Heidfeld – sein Team vom vorletzten Rang in der Teamwertung von Rang neun auf fünf vor, ein Ergebnis, dass seinem Teamchef Peter Sauber Millionen Dollar bringen könnte. Frentzen bewies heute im Regen von Indy hohe fahrerische Kompetenz und könnte so manchen Teamchef ins Grübeln gebracht haben, was die Besetzung für 2004 betrifft. Der bereits erwähnte Nick Heidfeld wiederum stand seinem älteren Kollegen kaum nach und komplettierte die tolle Mannschaftsleistung mit Rang fünf. Während der ärgsten Regenphase lautete übrigens drei Runden lang der Zwischenstand Michael Schumacher – vor Frentzen und Heidfeld.
Eine kleine Wiedergutmachung für das verpatzte Rennen in Monza leistete sich heute Jarno Trulli, denn er brachte seinen Renault auf dem vierten Rang ins Ziel. Erst kurz vor dem Ende konnte er sich an Heidfeld vorbeischwindeln, der Rückstand auf Frentzen war jedoch zu groß. Fernando Alonso musste seinen Boliden vorzeitig mit Motorschaden abstellen.
Fürchterliche Enttäuschung dürfte heute im Team von Sir Frank Williams herrschen, denn von Glück bei den Briten mit deutschem Aggregat wurde man heute nicht gerade begünstigt. Zuerst verschlief Monti den Start, dann die Kollision mit Barrichello, weswegen eine – nach Meinung des Autors – ungerechte Strafe verhängt wurde. Dann gab es beim Boxenstopp Probleme mit der Tankanlage – Montoya steht über 15 Sekunden still und als ob das noch immer nicht reichen würde, rutschte der Kolumbianer ein- zweimal von der Strecke. Unter diesen Bedingungen noch Rang sechs – Hut ab. Ralf Schumacher fuhr in den ersten Runde gut und beherzt, musste dann jedoch der rutschigen Strecke Tribut zollen und nach einem Dreher seinen Boliden abstellen.
Erfolgserlebnis für Giancarlo Fisichella: Der nächstjährige Sauber-Pilot konnte zum zweitenmal nach dem Rennen in Brasilien heuer Punkte holen und sich über den siebten Platz freuen. Lange sah es sogar nach Rang sechs aus, doch Fisico konnte dem stürmisch aufholenden Montoya nicht lange Paroli bieten und hat heute wohl das Maximum aus dem Auto geholt. Keine Überraschung dagegen für Ralph Firman, der Formel-1-Heimkehrer fiel einem Motorschaden zum Opfer. Sein Rennen hatte schon schlecht begonnen, er war in Kurve eins Jos Verstappen aufgefahren und musste sich eine neue Nase abholen.
Den allerersten WM-Punkt seiner noch jungen Laufbahn sicherte sich heute Justin Wilson als Achter. Der Brite fuhr heute ein beherztes, aber niemals unkontrolliertes Rennen und hat sich dieses Ergebnis sicherlich verdient. Ob er nächstes Jahr noch im Cockpit der Raubkatzen zu sehen sein wird, darf trotzdem bezweifelt werden. Mark Webber wollte heute einfach zuviel. Der Australier lag heute lange in Führung – die erste Führung für das Jaguar-Cosworth-Team überhaupt – musste aber seinem Mut zum Risiko letztlich Tribut zollen. Webber, der auch in der ärgsten Regenphase auf Trockenreifen unterwegs war, flog kerzengerade in die Streckenbegrenzung ab und zerlegte den Wagen.
Rang neun holte sich Cristiano da Matta, der heute imposante sechsmal an der Box war. Der Toyota-Pilot stellte sein Talent, immer zur falschen Zeit auf den falschen Reifen zu sein, heute eindrucksvoll unter Beweis, sonst wäre sicher ein wenig mehr drinnen gewesen. Olivier Panis, der vom besten Toyota-Startplatz aller Zeiten ins Rennen gegangen war, wollte heute zu viel und war seinen Boliden recht eindrucksvoll in die Streckenbegrenzung – out durch technischen K.O.
Schade, schade, so knapp wie heute war man bei Minardi-Cosworth heuer noch nicht oft an WM-Punkten dran. Rang 10 für Verstappen und Rang 11 für Kiesa lautet das heutige Ergebnis und wie immer war mit den unterfinanzierten Boliden nicht mehr drinnen.
Einziges Team mit einem Totalausfall war heute BAR-Honda. Nachdem der lange führende Jenson Button bereits einem Motorschaden zum Opfer fiel, ereilte auch seinen Noch-Teamkollegen Jacques Villeneuve das gleiche Schicksal. Nach den markigen Sprüchen von Honda – man will endlich Siege sehen – dürfte David Richards heute eine passende Antwort parat haben.
Abschließend muss man als fairer Sportfan einerseits zwar Michael Schumacher zum 70. Grand-Prix-Sieg und zum höchstwahrscheinlich 6. WM-Titel gratulieren, aber Herrn Ecclestone – so die Meinung des Autors – darf man anraten, sich schleunigst neue Sportkommisäre zu suchen, denn die jetzigen haben heute keine extrem hohe Kompetenz bewiesen – fragen Sie Juan-Pablo Montoya...
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+ 28.09.2003 FH

